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Land der unbegrenzten Möglichkeiten

In welchem Land kann ein einfacher Arbeiter Präsident werden? Oder ein schwarzer Fussballstar, Sportminister? Oder ein schwarzer Musiker, Minister für Kultur? Nur in Brasilien, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten!

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Präsident Luis Inácio (Lula) da Silva, den seine Fans auch heute noch bei seinem Spitznamen “Lula” (Tintenfisch) nennen, war (wie einst der polnische Präsident Lech Walesa) ein einfacher Arbeiter der metallverarbeitenden Industrie in São Bernardo, einer Satellitenstadt der Metropole São Paulo. Von Natur aus eine Kämpfernatur und mit einer mächtigen Stimme begabt, brachte er es bald zum Gewerkschaftsführer, und als er seinen verdutzten Kollegen erklärte, dass er jene intellektuelle, rechte Präsidentenelite satt habe, und er sich als linker Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen wolle, da machte diese Idee wie ein Lauffeuer die Runde im ganzen Land. Seine frisch gegründete “Arbeiter-Partei“ (PT) bekam ungeheuren Zulauf, denn mindestens 60% aller Brasilianer kommen aus demselben Metier – allerdings gelang es den “Intellektuellen”, ihre konservative Regierung noch über drei Legislaturperioden hinweg zu retten, bevor “die Stunde Lula” schlug: Mit fast 60% siegte er dann im ersten Durchgang (2001). Und von seiner Wiederwahl als Präsident (2006) war er selbst so überrascht, dass er ein Gesetz einbrachte, welches die Wiederwahl eines Präsidenten zukünftig untersagte. Ob er allerdings auch “ein besserer Präsident ist, als seine Vorgänger”? Wenn Sie einen armen Sertão-Bauern im Nordosten danach fragen, wird der “JA” sagen – denn diese Leute warten immer noch auf die Erfüllung seines “Fome-Zero” Programms (Null Hunger) – fragen Sie dagegen einen Bürger der Mittelklasse São Paulos, dann wird der Ihnen wahrscheinlich aufzählen, in wieviele Korruptions- und Amtsmissbrauchs-Skandale Lulas Regierungsmannschaft schon verwickelt war und noch ist – und, dass der Präsident stets vorgibt, “von nichts etwas zu wissen”.

Dass Brasiliens berühmtester Fussballstar aller Zeiten, Nelson Arantes de Nascimento, mit dem Spitznamen “Pelé”, unter Präsident “Lula” Minister für “Sport und Tourismus” geworden ist, hat die Brasilianer nicht weiter verwundert – sie haben es ihrem Helden gegönnt. Der Sänger und Komponist aus der afrikanischen Enklave Salvador da Bahia, Gilberto Gil, hat es sich dagegen sicher nicht träumen lassen, dass er dermaleinst als Minister für Kulturangelegenheiten in Brasília landen würde. Er ist der einzige Minister (wahrscheinlich weltweit), der immer mal wieder zwischen seinen Amtsgeschäften mit der Gitarre auf der Bühne steht und sein Publikum – inzwischen mit Reggae made in Brasília – begeistert.

Eine Regierung, welche die meisten ihrer kurzsichtigen Bürger lediglich durch miserable Entlohnung und wirtschaftliche Abhängigkeit an der Kandare hält, sollte sich nicht wundern, dass andere, weitsichtigere Elemente ihre Chancen erkennen, die ihnen die laschen Gesetze Brasiliens und die noch schlappere Kontrolle derselben, bieten: Sie haben die grossen Städte Brasiliens und deren “unbegrenzte Möglichkeiten” genutzt, um mittels Drogen- und Waffenhandel so weitverzweigte und finanzkräftige Verbrecherorganisationen aufzubauen, dass die Polizei, als sie endlich den Befehl bekam einzugreifen, sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber sah. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht wenige der schlecht bezahlten Polizisten mit den Verbrechern gemeinsame Sache machen. Fängt man endlich einmal einen der Anführer und verknackt ihn zu dreissig Jahren Gefängnis, dann sieht die brasilianische Gesetzgebung vor, dass ein solcher vielfacher Mörder, nachdem er ein Fünftel seiner Strafe verbüsst hat (also 6 Jahre), bei guter Führung wieder auf freien Fuss gesetzt werden kann. Land der unbegrenzten Möglichkeiten, besonders für Schwerverbrecher – wo auf der Welt gibt es das noch einmal?

Das “Land der unbegrenzten Möglichkeiten”, so dachte sich auch einer der grössten und meist gesuchten Drogenbosse aus Kolumbien und richtete sich im Interior des Bundesstaates São Paulo in einer riesigen Villa häuslich ein. Von dort aus besuchte er regelmässig einen Gesichtschirurgen, der ihm in Etappen eine neue Identität verleihen sollte – sein Inkognito platzte mitten in dieser Behandlung, und ein kläglich verschnippelter Drogenboss wurde von der brasilianischen Policia Federal abgeführt. Allerdings fürchten nun weitsichtige Bürger, dass die ungeheuren Berge von Dollars, die man sowohl in seiner Villa als auch auf seinen Konten entdeckt hat, ihm irgendwann die Flucht aus dem “Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ erkaufen werden – anstatt ihn den Amerikanern auszuliefern, die ihn unbedingt haben wollen.

Harte Arbeit für ein paar wenige Früchte

Tut mir leid, aber es kommt mir so vor, als ob sich Brasilien als “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” nur noch Leuten mit viel Geld und solchen erschliesst, die schon als Genies geboren wurden. Uns Normalverbrauchern erscheint es eher als ein Land, in dem man hart arbeiten muss, um ein paar Früchte zu ernten – nichts, aber auch rein gar nichts, fällt einem hier in den Schoss. Darüber hinaus muss man noch gewaltig auf Draht sein und aufpassen, dass einem die Früchte nicht wieder geklaut werden. Unbegrenzt ist hier nur die Hoffnung des Durchschnittsbürgers, dass es einmal besser wird: dass eine Generation heranwächst mit mehr Allgemeinbildung – eine Generation, die nicht nur Fussball und Karneval als Kultur betrachtet – die ihrer Umwelt die nötige Beachtung schenkt und ihre Natur erfolgreich schützt – eine Generation mit politischer, sozialer und wirtschaftlicher Verantwortung, die sich mit berechtigtem Stolz einreiht in die Nationen mit globaler Weitsicht. Erst dann wird Brasilien tatsächlich ein Land unbegrenzter Möglichkeiten sein.